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Reisebericht über eine Kanutour auf der Insel Rügen (März 2012)

 

Von der Befahrung der Sehrow


Viele Fahrten führten mich in den vergangenen Jahren auf der B 96 in Richtung Bergen. Hinter Samtens liegt links auf einer Anhöhe ein einzelnes unbewohntes Haus. Das ist Stönkvitz. Durch das schöne Tal davor fließt die Sehrow oder Sehrowbach. Deren Quellgebiet ist der romantische, aber wenig bekannte Kniepower See sowie seine Umgebung. Dieses Bächlein plante ich seit Jahren zu befahren. Am wärmsten Tag des März 2012 setzten wir uns ins und den Kandier auf das Auto. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass ich die Reise wieder einmal mit meiner Lieblingspaddelgefährtin unternahm. Zum Glück fanden wir rasch eine günstige Parkstelle für das Auto und eine Einsatzstelle für das Boot. Nun konnte eines der letzten Abenteuer beginnen.

Der Sehrowbach ist in diesem Bereich nur knapp 3 – 4 Meter breit. Alte Bäume säumen das Ufer, sanfte Höhenzüge das Tal. So gelangten wir alsbald an eine flache verfallenen Brücke aus Beton und Stahl, die es zu umtragen galt. Von Rehen beäugt setzten wir unsere Fahrt fort. Am Rande eines Wäldchens wurde eines der vielen Hügelgräber sichtbar. Auch ein Hausgiebel tauchte auf. Der für den Bach namengebenden Ort, Sehrow, war erreicht. Eine Betonröhre unterquerte die Straße. Ihr Durchmesser und der aktuelle Wasserstand erlaubten eine Durchfahrung. Hinter dem Ort unvermutetes Treffen der Exoten. Wir, die Paddler, trafen sie, die Fotojäger. Letztere waren unter anderem auf der Suche nach Käfermotiven. Beiderseits Erstaunen darüber, an diesem Fleckchen auf Menschen zu treffen.

Plötzlich ein türkises Schillern über dem Wasser. Ein Eisvogel fand hier idealen Lebensraum. Nach langer freier Fahrt sorgte eine umgestürzte alte Erle für einen Landgang. Kurz darauf unterquerten wir die wichtige Verbindungsstraße von Samtens nach Gingst. Ab hier wird der Uferbereich flacher und schilfreicher. Der Einfluss des wechselnden Höhenstandes im Bodden prägt die Landschaft.

Eine auffällige Bewegung im Wasser - etwas Schwarzes überquerte zügig den nun fast zehn Meter breiten Bach. Auch der Fischotter hat hier seine Heimat. Leicht erhöht ein einsamer Hof, am Ufer eine Bank, ein schöner Platz um nach getaner Arbeit auszuruhn. Wir schauten aufwärts. Kraniche kreisten am Himmel. Ihre sehnsuchtsvollen Rufe begleiteten uns seit geraumer Zeit. Jenseits der verschilften Niederung erstreckt sich ein Kiefernwald. Ein Abzweig nach rechts ließ uns abbiegen. Nach wenigen Windungen erreichten wir einen flachen See. Ganze Schwärme von Jungfischen tummelten sich auf seinem Grund. Auf die Sehrow zurückgekehrt unterquerten wir eine letzte Brücke. Ein Bogen zum Abschluss und das Schilf öffnete sich. Hier war Staunen angesagt, immer wieder toll, wenn sich so ein so großes Wasser im Sonnenlicht präsentiert. Die Priebowsche Wedde, eine Bucht des Kubitzer Boddens, war erreicht. Beim Durchfahren zu einem straßennahen Anlandeplatz dachte ich darüber nach, dass vor rund 200 Jahren genau hier die Furt zur Umgehung des ziemlich tiefen und breit vermoorten unteren Sehrowbaches entlang führte.

Wir tauschten die Stiefel mit den Wanderschuhen, um uns auf den Rückweg zu machen. Ein Feld - später ein Waldweg verlief sehr schön über die Wüstung Dönkwitz bis zum idyllisch gelegene Negast. Hier gibt es wieder ein Bächlein, das Johann Jakob Grümbke (1771-1849) schon vor mehr als 200 Jahren „über einen elenden hölzernen Steg“ passierte. Der Reiseschriftsteller beschrieb in seinem Bestseller 1 Wanderungen über die Insel Rügen. Die „reinliche Landschenke“, die er erwähnte, gibt es heute leider auch nicht mehr. Das war aber nicht so schlimm, weil wir immer Reiseproviant dabei haben. Ein unerwartet schöner Feldweg führte über die Höhen nach Sehrow. Hier begegneten uns noch drei Löffelträger, die uns auf das bevorstehende Osterfest aufmerksam machten. Aus erhabener Perspektive sahen wir, dass Sehrow doch aus drei Gehöften, statt wie aus Paddlerperspektive angenommen, einem Haus, besteht. Und eines davon ist in ein wahres Paradies aus Frühblühern gebettet. Ganze Bienenvölker sammelten hier, die Beinchen gelb von Pollen, ihre erste Nahrung. Der Hofbesitzer, Imker und Vermieter, ist bester Beweis dafür, dass Norddeutsche und speziell Rüganer alles andere als maulfaul und abweisend sind.

Entlang der bachbegleitenden Wiesen kehrten wir nun über Stönkvitz zum Standort unseres Autos zurück.

Zur Krönung des Tages fanden wir noch ein Abendessen, als wir auf gefahrvollen Landwegen zu unserem Boot zurückkehrten. Auf großer Fläche stand im Ralower Holz der schönste Bärlauch, aus dem meine Frau eine herrlich duftende Frühlingssuppe kochte.


Ingo Gudusch


Dauer der Bootsfahrt mit zwei Umtragungen: ca. 2 Stunden

Dauer der Rückwanderung: knapp 1,5 Stunden

Dauer des Gespräches mit dem Imker, unsererseits vorfristig beendet: ca. 0,5 Stunden

Der Tag war sonnig und die Temperatur erreichte 18 ° C im Schatten


1Für diejenigen, die nachlesen möchten:

Johann Jakob Grümbke „Streifzüge über das Rügenland“, 1805